Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Startseite der Universität
Anschriften und Telefonnummern Volltext-Suche, E-Mail-Suche, Datenbank-Suche
Institut für Transfusionsmedizin und Immunologie
DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg – Hessen gGmbH

Die Mannheimer Nabelschnurblutbank
Kontakt: Tel. 0621 3706-9492 (PD Dr. Michael Müller-Steinhardt)

Nabelschnurblut als Stammzellquelle – Informationen zur Sammlung, zur medizinischen Anwendung und zum arzneimittelrechtlichen Hintergrund

Einleitung:
1996 wurde an unserem Institut mit der Einlagerung von Nabelschnurblut-Transplantaten unverwandter Spender begonnen. Seither wurden mehr als 2000 Transplantate eingelagert.
 
Medizinischer Hintergrund:
Neben der Transplantation von allogenen (= vom Fremdspender gewonnenen) Stammzellen aus Knochenmark oder peripherem Blut im Rahmen der Therapie von malignen Erkrankungen des blutbildenden Systems stehen seit Anfang der 90er Jahre auch Stammzell-Präparate aus Nabelschnurblut (synonym: Plazentarestblut, engl. cord blood) zur Verfügung. Wurden zunächst vor allem Nabelschnurblut-Transplantationen zwischen Verwandten durchgeführt, so konnte bald gezeigt werden, dass auch mit Nabelschnurblut von nicht verwandten Spendern eine vollständige hämatopoetische Rekonstitution nach intensiverter Chemo/Radiotherapie zu erzielen ist.
Stammzell-Transplantate aus Nabelschnurblut zeichnen sich im Prinzip durch folgende Vorteile aus:
  Nabelschnurblut - kann ohne Risiko für Mutter und Kind gewonnen werden, ohne den Ablauf der Entbindung zu beeinflussen
    - kann durch Tiefkühlkonservierung fast unbegrenzt gelagert werden
    - steht praktisch unbegrenzt zur Verfügung
    - kann sowohl für erkrankte Geschwister als auch für nicht verwandte Patienten verwendet werden
    - enthält im Vergleich zu Stammzellen aus Knochenmark oder peripheren Blut sehr unreife und sehr teilungsfähige Stammzellen
    - ist wesentlich seltener als Stammzellpräparate erwachsener Spender mit dem Cytomegalie-Virus und anderen Viren belastet, was die Transplantation für den Patienten sicherer macht
    - enthält sehr unreife Abwehrzellen (T-Zellen), die nach der Transplantation offenbar weniger häufig unerwünschte schwere Abstoßungsreaktionen (graft verus host (GvH)-Reaktionen) verursachen als das nach der Gabe von Blutstammzellen aus Knochenmark und peripherem Blut beobachtet wird
    - erlaubt eine Transplantation mit nicht kompletter HLA-Identität
    - kann mit besonders gesuchten Gewebetypen bevorzugt gesammelt werden und stellt für etwa 20 % der Patienten eine Heilungschance dar, für die bisher aufgrund seltener Gewebemerkmale kein geeigneter Familien- oder Fremdspender zu finden war
    - steht als HLA-A, B- und -DRB1-typisiertes, qualitativ und quantitativ überprüftes und definiertes, tiefkühl-gelagertes Transplantat bei Bedarf umgehend zur Verfügung. Dies kann sowohl für die klinische Durchführbarkeit einer Transplantation als auch für den klinischen Erfolg von entscheidender Bedeutung sein.

 
Aufgrund der Möglichkeit einer Nabelschnurblut-Transplantation bei Gewebe-Teilidentität zwischen Spender und Patient können auch solche Patienten von diesen neuartigen Transplantaten profitieren, für die entweder kein passender Fremdspender gefunden wird oder für die die Dauer der Spendersuche wegen der Dringlichkeit zur Transplantation ein hohes Risiko darstellen würde [11,20]. Für diese Patientengruppe kann auch die Bereitstellung von in der Familie gezielt gesammelten und aufbereiteten (= gerichteten) Nabelschnurblut-Transplantaten erwogen werden.
 

Durchführung einer Spende

Spenderauswahlkriterien:
Sammlungen sollen nur bei Reifgeborenen durchgeführt werden. Im Einzelnen richtet sich die Spenderauswahl nach den Vorgaben der Richtlinien zur Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnurblut. So muß die Schwangere volljährig, gesund und in der Lage sein, die Anamneseerhebung und Aufklärung sprachlich und inhaltlich zu verstehen.

Information und Anamneseerhebung bei der Schwangeren:
3 bis 5 Wochen vor der Entbindung wird die Schwangere im Rahmen der Geburtsvorbereitung mit einem Informationsbogen über die Möglichkeit der Spende informiert. Die Anamnese schließt die Erhebung von Angaben in der Familienlinie des biologischen Vaters mit ein.

Vorgehensweise bei der Sammlung des Nabelschnurblutes:
Die Sammlung wird ausschließlich von geschulten Hebammen und Ärzten durchgeführt. Das Kind wird nach vollständiger Entwicklung abgenabelt. Anschließend wird die Nabelvene am Ende der Nabelschnur mit einem speziellen Blutbeutel-Sammelsystem für Nabelschnurblut punktiert und das Plazentarestblut fließt in den tiefer liegenden Sammelbeutel. Dabei wird der Ablauf der Geburt nicht beeinflußt. Das verschlossene Beutelsystem wird anschließend in das Verarbeitungszentrum transportiert.

Verarbeitung der Spende in der Nabelschnurblutbank
Probenmaterial für Freigabeuntersuchungen:
Als Testmaterial werden 20 ml mütterliches Serum zum Zeitpunkt der Entbindung  entnommen [16] und infektionsserologisch untersucht. Weitere Untersuchungen erfolgen aus dem Nabelschnurblut. Nach den Richtinien [16] werden nur Nabelschnurblut-Sammlungen gelagert, die eine Mindestanzahl von Leukozyten beinhalten.

Präparation und Kryokonservierung:
Die Präparation erfolgt durch eine Zentrifugation, und das gewonnene Zellkonzentrat wird dann mit einer Konservierungslösung tiefgefroren. Anschließend lagert das Transplantat bis zu seiner Abgabe an des Transplantationszentrum in Flüssigstickstoff bei unter -135 °C [14].


Stand der medizinische Anwendung von Stammzellpräparaten aus Nabelschnurblut


Der Einsatz von Nabelschnurblut als Quelle blutbildender Stammzellen etabliert sich zunehmend als wichtige Alternative zur Knochenmark (KM)- oder Blutstammzell-Transplantation. Es ist nur sinnvoll, Präparate mit einem Volumen von mehr als 60 ml für die aufwendige Untersuchung und Verarbeitung vorzusehen, um die in den Richtlinien festgelegte Zelldosis zu erreichen [16]. Dies bedeutet, dass etwa 30 - 50 % der gesammelten Blute nicht dem eigentlichen Zweck zugeführt werden kann. Die Sammlung und Verarbeitung von allogenen und autologen Nabelschnurblut-Spenden für eine spätere Transplantation unterliegt den Vorgaben des Arzneimittel- und Transfusionsgesetzes und bedarf einer sog. Herstellungserlaubnis [8,9]. Wird die Erteilung einer Herstellungserlaubnis angestrebt, so setzt dies u. a. eine umfassende Qualifikation aller an der Herstellung beteiligten Mitarbeiter voraus (z. B. Ärzte und Hebammen). Zur Zeit existiert kein etabliertes Therapieverfahren, das auf die Verwendung autologer Nabelschnurblut-Stammzellen zurückgreift. Molekularbiologische Untersuchungen lassen vermuten, dass bereits im Nabelschnurblut von später an akuter lymphatischer Leukämie erkrankten Kindern verschiedene präleukämische genomische Veränderungen nachweisbar sind [6,7,22,23]. Vor diesem Hintergrund scheint die Transplantation von autologen Präparaten für die Behandlung von kindlichen Leukämien derzeit kein realistischer Ansatz zu sein. Sinnvoll ist dagegen die Sammlung von familiär-allogenem Nabelschnurblut bei bereits transplantationspflichtigen und gewebeidenten Geschwistern. In 25 % dieser Fälle findet sich eine Gewebeidentität zwischen den Geschwistern, wobei dann nach einer zu empfehlenden pränatalen Diagnostik [2] die Sammlung des Plazentarestblutes in einem spezialisierten Zentrum gerechtfertigt ist. Augenblicklich wird intensiv an einer Erweiterung des klinischen Einsatzes von Nabelschnurblut gearbeitet, wie etwa der Transplantation ex vivo expandierter Stammzellen. Es ist daher zu erwarten, dass trotz der beschriebenen präparativen und rechtlichen Anforderungen die Sammlung und Einlagerung von Stammzellpräparaten aus Nabelschnurblut zukünftig faszinierende neue Therapieoptionen eröffnen wird.

 
Die Literaturstellen sind in einer gedruckten Publikation enthalten, die auf Anfrage erhältlich ist:
Kontakt: PD Dr. med. Michael Müller-Steinhardt
 
Startseite

 

Zurück

 

Das Institut | Blutspende | Nabelschnurblut | Knochenmarkspende
Termine | Mitarbeiter | Forschung | Studium | Links | Kontakt | Suche

 

Seitenbearbeiter: Prof.Dr. P. Bugert