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Theorie und Ethik der Medizin

Dass wir keine eindeutige Lehre aus der Betrachtung der Vergangenheit ziehen können, hat zwei Gründe, einen wissenschaftstheoretischen und einen pragmatischen. Der wissenschaftstheoretische Grund ist der sogenannte naturalistische Fehlschluss, dessen Beschreibung auf den schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) in der Mitte des 18. Jahrhunderts zurück geht und dessen Benennung 1903 durch George Edward Moore (1873-1958) erfolgte: Es wäre demnach ein schwerer logischer Fehler, wollte man aus der bloßen Feststellung biologischer oder auch historischer Tatsachen sicher (deduktiv) darauf schließen, dass diese Tatsachen auch im ethischen Sinne empfehlenswert wären. Wert- wie auch Unwerturteile können nicht hinreichend darauf gegründet werden, dass etwas heute existiert oder früher einmal existiert hat. Aus dem Sein folgt unmittelbar weder das Sollen noch das Nicht-Dürfen.

Der pragmatische Grund hat mit einer Eigenart der Geschichte und der sie beschreibenden Wissenschaft zu tun: Je nachdem, welche früheren Ereignisse und Prozesse der heutige Historiker in den Vordergrund seiner Rekonstruktion und seiner Erzählung rückt, kann er eine Mehrzahl unterschiedlicher „geschichtlicher Lehren“ für die Ethik herauspräparieren. Da es nicht eine einzige, objektive Geschichte gibt, sondern da der Historiker die Tatsachen stets unter einem bestimmten, subjektiven Blickwinkel beschreibt und sie damit zumindest modifiziert, kann es schon aus diesem pragmatischen Grund keine allgemein verbindliche moralische Norm geben, die gleichsam automatisch aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft erwachsen würde. Wer unter einer ethischen Perspektive in der Geschichte nach eindeutigen Antworten auf aktuelle Fragen sucht, der erhält zu viele - und nicht etwa zu wenige - alternative Lösungen.

Normative Perspektive

Angesichts dessen ist es umso wichtiger, innerhalb der ärztlichen Ausbildung durch eine gezielte Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Medizinethik explizit der normativen Perspektive einen angemessenen Platz einzuräumen. Das Ziel ist, den Studierenden die Relevanz der ethischen Reflexion in medizinisch-klinischen Kontexten zu vermitteln und sie für die ethische Dimension ihres Handelns als zukünftige Ärztinnen und Ärzte zu sensibilisieren; nicht zuletzt, um sie zu unterstützen, eine Haltung der Verantwortung für ihr Handeln als Ärztinnen und Ärzte zu entwickeln. Im Einzelnen bedeutet das, Grundbegriffe und Argumentationsweisen der Ethik exemplarisch an aktuellen Entwicklungen in der Medizin so darzustellen, dass die Studierenden diese schließlich selbständig auf Probleme der Medizinethik anwenden, damit sie sich angesichts komplexer Sachverhalte orientieren und positionieren können sowie die faire Diskussion und die argumentative Verteidigung ihres moralischen Standpunktes beherrschen.

Bei der Findung dieses Standpunktes kommt nicht zuletzt der Medizintheorie eine zentrale Rolle zu: Die Einsicht, dass (natur)wissenschaftliche Konzepte, Weltbilder und deren implizite, letztlich arbiträre Wertesysteme die ärztliche Wahrnehmung und das ärztliche Handeln ihrer Zeit prägen, wächst mit der Kenntnis um paradigmatische Strukturen und Prozesse, die mit dem medizintheoretischen Instrumentarium offengelegt werden können. Umgekehrt fördert die Analyse und Problematisierung grundlegender Begriffe, Konzepte und Prinzipien der modernen Medizin die normative Dimension hinter vermeintlich reiner Deskription zutage. Hier wiederum zeigt sich deutlich die unlösbare Verbindung von Medizintheorie und Medizingeschichte.

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