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Frau Exner. Welche psychischen Probleme treten bei Menschen, die gestalkt werden, besonders häufig auf?
Ich meine, grundsätzlich ist jeder Fall individuell, weil es davon abhängt. Was für Ressourcen hat eine Person? Was ist im Vorfeld vielleicht schon passiert? Vorerkrankungen. Dennoch kann man so ein paar Themen finden, die häufig vorkommen. Also wenn Stalking beginnt, das ist ja oft was, was schleichend beginnt und über lange Zeit anhält. Häufig gibt es am Anfang erst mal körperliche Symptome.
Es können sein so Schlafstörungen, erhöhter Blutdruck, Anspannung und diese psy-chischen Erkrankungen entwickeln sich mit der Zeit. Wir haben ja vor allen Dingen Krankheitsbilder mit besonders schweren Stalking. Und die Menschen, die zu uns kommen, haben meistens schon psychische Erkrankungen entwickelt. Und was wir vor allen Dingen sehen, sind Angsterkrankungen. Das können sein generalisierte Angststörung oder auch Panikstörung mit Panikattacken. Was wir viel sehen, sind Depressionen.
Man kann sich vorstellen, wenn da jemand Angst hat, einem Stalker oder Stalkerin zu begegnen, dann ziehen sie sich oft zurück zum sozialen Rückzug. Hobbys werden vielleicht nicht mehr ausgeführt und dann oft auch eine schlechtere Stimmung. Des-wegen spielt Depression eine große Rolle. Und ich arbeite an der Traumaambulanz. Natürlich haben wir auch die posttraumatische Belastungsstörung im Bereich Stalking häufig, also dass die Leute sehr so ein Hyperarousal haben, eine Anspannung, vermeiden rauszugehen, genau auch das wieder erleben haben zum Beispiel Albträume, Flashbacks.
Wie so Trigger, man sieht jemand, der dem Täter ähnlich sieht und dann in einem erstarrten. Diese drei Sachen sind am häufigsten Angststörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörung.
Wie unterscheiden sich Stalking Erfahrungen psychologisch von anderen Formen von Gewalt oder Bedrohung?
Also bei uns gibt es häufig eine Überlappung. Das ist es nicht nur reines Stalking ist, sondern auch vielleicht vorher häusliche Gewalt stattgefunden hat. Dennoch möchte ich mal so auf die Themen eingehen, die bei Stalking besonders sind. Also einmal ist es die Länge. Ja, es ist nicht ein Übergriff ist nicht eine Gewalt Straftat, sondern das zieht sich bei uns bei den Leuten Monate, zieht sich Jahre. Das heißt eine ganz lang anhaltende Belastung ist da. Dann finde ich es noch besonders, dass es auch in so persönliche, intime Bereiche reingeht.
Also da können, wenn ein Konto geknackt wird, irgend Social Media Profile, Wenn jemand vor der Tür, vor dem Fenster steht, dann ist das ja totaler Eingriff in die Privatsphäre. Ja, dauerhaft. Das ist noch was. Und das Dritte, was mir auch in der Be-gleitung der Klientin auffällt, ist zum Teil die mangelnde Strafbarkeit, dass da halt nicht eine Straftat ist, wo man sagen kann, da können wir XY machen, sondern jeder Stalking Tat an sich ist vielleicht nicht strafbar, aber dadurch muss man ganz viele Beweise sammeln.
Dieser ganze Prozess, wenn man, wenn man da auch gerichtlich vorgehen will, der zieht sich und das ist so zermürbend und macht auch viel mit den Menschen, dass die dann irgendwann ganz frustriert sind und denken, da ist jemand, der ist in meinem Alltag, der macht so viel Einfluss und trotzdem passiert nichts. Also dieser, diese mangelnde Strafbarkeit, macht auch viel psychisch. Ja, genau.
Welche therapeutischen Ansätze helfen den Betroffenen, wieder Sicherheit und Stabilität zu gewinnen?
Ja, also bei Sicherheit und Stabilität will ich erst mal sagen Es gibt so zwei Formen von Sicherheit, sagen wir oft in der Psychotherapie. Es gibt die innere Sicherheit, wie sicher fühle ich mich in mir? Kann ich mit mir sein und es gibt nur äußere Sicherheit. Also sozusagen bin ich in einer sicheren Umgebung. Wenn die Stalking Opfer zu uns kommen, ist meist keine äußere Sicherheit gegeben. Das kann zum Beispiel sein, der Stalker ist noch ganz aktiv. Es kann sein, es gibt ein Gerichtsverfahren und der Stalker wird da noch gesehen im Rahmen dieser Verfahren. Und das heißt, es gibt einen sogenannten Täterkontakt. Diese Standard traumatherapeutische Arbeit mit einer Aufarbeitung, mit dem Abschließen von dem was passiert ist, ist dann gar nicht direkt möglich. So diese konfrontative Arbeit.
Aber was wir machen können, ist einerseits an der inneren Sicherheit arbeiten. Wir können einen sicheren Ort kreieren, auch so Körperübungen aneignen, dass man in sich ein bisschen zur Ruhe finden kann. Wir können ganz viel im Bereich der Verhaltenstherapie auch machen. Also oft geht es bei Täterkontakten ja auch sich abgrenzen, ganz klar sagen ich möchte das nicht und dann aber nicht mehr reagieren, das nicht verstärken, das Verhalten der Täter, in dem man nach der 50. Nachricht oder dann doch wutentbrannt reagiert, weil das das Verhalten verstärken kann. Das heißt, auf so einer Ebene können wir auch arbeiten.
Und was wir viel machen, ist natürlich auch rechtlich das Begleiten, wenn Verfahren stattfinden. Also ich jetzt eher emotional. Wir haben aber auch eine interne Rechtsberatung und was ich jetzt gerade noch nicht gesagt hab, aber auch wichtig ist, ganz am Anfang steht oft überhaupt mal das Anhören, gesehen werden. Ich hör dir zu, Ich höre diese ganze Geschichte, die Monate, vielleicht Jahre angedauert hat, höre ich an und ich akzeptiere, dass du ein Opfer einer Straftat geworden bist. Egal, was beim Gerichtsprozess rausgekommen ist, ich sehe, dass du Opfer bist. Das darfst du quasi bei mir erzählen und diesen Raum offen machen. Das ist, glaube ich, auch ganz wichtig, auch wenn es erst mal banal klingt.
Wie können Angehörige oder Kolleginnen und Kollegen Betroffene unterstützen?
Genau. Ich habe eben etwas geändert mit dem Zuhörern und das finde ich auch bei Angehörigen, bei KollegInnen sehr wichtig. Wenn da jemand von Stalking betroffen ist, ist häufig ein großer Schritt, vielleicht manchmal auch mit Scham behaftet, das zu den anderen mitzuteilen. Weil, wenn es einen Graubereich gibt, spricht man vielleicht nicht direkt drüber, aber wenn man es mitteilt, ist das ja schon ein großer Vertrauens-beweis.
Und ich glaube, dann ist ganz wichtig, dass man zuhört, Nachfragen stellt, nicht schnell viel bewertet oder in Boxen packt und das auch gegebenenfalls eine lange Zeit, wie das Stalking anhält. Es geht aber natürlich auch, dass ich ganz praktisch helfen kann. Also wenn ich mich zum Beispiel gut mit Datenschutz auskenne, kann ich helfen, eine Passwortdatenbank einzurichten, damit da nichts mehr gehackt werden kann. Also in dem Bereich helfen.
Oder wenn ich auf der Arbeit ein bisschen mit gucke, wenn ich weiß, da kommt auch ein Stalker, ich gucke mit, wann ist er da? Ich suche ein bisschen Schutz. Oder ich begleite abends meine Freundin nach Hause. Nach einer Veranstaltung. Dass die dann nicht Angst haben muss, da könnte der Stalker sein. Das sind ja so ganz praktische Sachen. Ich glaube, da gibt es viele Sachen, die man machen kann. Und ich glaube genau, es ist schön, wenn man da Empathie zeigt.
Können sich auch Personen an Sie wenden, die selbst Stalking Verhalten zeigen? Und wie häufig kommt das vor? Wie können Sie hier therapeutisch unterstützen?
Ja, ich persönlich arbeite jetzt auf der Opferseite in der Opfer Traumaambulanz und bei uns ist das tatsächlich getrennt, also sozusagen in unseren Räumlichkeiten dürfen Opfer und Täter sich nicht begegnen, weil es ja auch eine Traumaambulanz ist.
Es ist ja nicht primär nur Stalking. Wir haben aber auch einen Bereich von Straffälli-gen und von Tatgeneigten. Überschrift sind immer Sexual- und Gewaltstraftaten, das heißt, es kann sein, dass da jemand eine Sexual- oder Gewaltstraftat getan hat oder Angst hat, sie zu tun, die auch mit Stalking zusammenhängt. Dann könnten die Leute zu uns kommen. Jetzt aber jemand, wo es wirklich nur ums Thema Stalking geht, die begleiten wir eher nicht.
Ja, vielen Dank, Frau Exner.