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Baden-Württembergisches Netzwerk zur Verringerung von Tierversuchen

Mit dem Ziel, die Zahl von Tierversuchen zu reduzieren und den Tierschutz weiter zu verbessern, entsteht in Baden-Württemberg ein neues Netzwerk: Es bündelt neue Ansätze und Maßnahmen an den biomedizinischen Forschungsstandorten des Landes, die nach dem international anerkannten 3R-Prinzip Replacement (Vermeidung), Reduction (Verringerung), Refinement (Verbesserung) die Belastungen für die Versuchstiere begrenzen und die Versuchstierzahl immer weiter senken sollen.

Das Grundgerüst des Netzwerks bilden fünf Zentren, zu denen das 3R-Zentrum Rhein-Neckar gehört, an dem neben dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und der Interfakultären Biomedizinischen Forschungseinrichtung der Universität Heidelberg auch die Medizinische Fakultät Mannheim beteiligt ist. Eine wichtige Aufgabe des Zentrums wird sein, Tierversuche in der Region künftig noch besser zu koordinieren. „Das 3R-Zentrum Rhein-Neckar wird eine feste Anlaufstelle sein, wenn es um das Design neuer Experimente geht. Wir werden Forscherinnen und Forscher bei der Auswahl sinnvoller Modelle unterstützen und bieten auch Trainings zu den 3R-Prinzipien und spezielle Seminare zum Tierschutz an“, sagt Dr. Bettina Kränzlin, Leiterin der Core Facility Präklinische Modelle an der Medizinischen Fakultät.

Darüber hinaus unterstützt das Zentrum Forschungsprojekte, die Daten mit Hilfe alternativer Ansätze gewinnen, um Tierversuche weiter zu reduzieren. Dazu zählen Labortests an Zellsystemen und Organoiden, Versuche mit Hilfe von Computermodellen und Computersimulationen sowie Big-Data-Ansätze mit der Auswertung großer Datenmengen. Eine Datenbank soll außerdem helfen, den gemeinsamen Austausch der Labore zu erleichtern. Das Ministerium stellt für das 3R-Zentrum Rhein-Neckar eine Fördersumme von 500.000 Euro für einen Förderzeitraum bis November 2025 zur Verfügung.

Bei der Forschung zu bösartigen Erkrankungen des Kopf-Hals-Bereichs künftig auf den Einsatz von sogenannten Xenograft-Modellen verzichten zu können, ist das Ziel eines Forschungsvorhabens von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde unter der Leitung von Professor Dr. Nicole Rotter und dem Institut für Transfusionsmedizin und Immunologie um Professor Dr. Karen Bieback, mit dem Titel „Charakterisierung und Weiterentwicklung heterotypischer 3D-Sphäroide aus Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinomen“. Versuchstiere, in die patienteneigenes Tumormaterial transplantiert wurde, dienen sowohl der Erforschung der Tumorbiologie als auch der präklinischen Forschung, etwa um die Wirksamkeit von Arzneimitteln für den einzelnen Patienten vorhersagen zu können. Die Wissenschaftler hoffen, die Versuchstiere künftig durch 3D-Zellkulturen, sogenannte Sphäroide, ersetzen zu können.

„Um aus dem Material von Plattenepithelkarzinomen des Kopf- und Halsbereiches 3D-Sphäroide generieren zu können, die der Architektur eines Tumors möglichst nahekommen, wollen wir dazu erstmals das Verfahren des 3D Drucks anwenden“, erklärt Professor Rotter. Um der Physiologie des menschlichen Körpers möglichst nahezukommen, enthalten die Sphäroide neben Tumorzellen auch Immun- und Blutgefäßzellen. „Dadurch ist es außerdem möglich, an ihnen auch anti-angiogene und immunmodulierende Arzneimittel zu testen, also solche die den Tumor bekämpfen indem sie seine Versorgung mit Blutgefäßen verhindern und solche die das Immunsystem ankurbeln“, ergänzt Professor Bieback. Die Forscher haben sich zum Ziel gesetzt, auf der Basis von 3D-Zellkulturen eine stabile und reproduzierbare Testplattform zu etablieren. Das Ministerium fördert die Forschungsarbeiten bis Dezember 2023 mit rund 300.000 Euro.

Die Bilder zeigen die Doppelfärbung eines Sphäroiden in hundertfacher Vergrößerung, der aus einer Kopf-Hals-Tumor-Zelllinie gebildet wurde. Die Färbungen dienen der Überprüfung der Vitalität des Shäroiden, mit ATP-Red für vitale Zellen und SytoxGreen für nicht-vitale Zellen. Die rechte Abbildung zeigt einen Merge von rotem und grünem Fluoreszenzkanal.

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